Erstellt von Yoda am 04.06.2010 um 20:54 Uhr in der Kategorie Innere Welt
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Die Wahrheit als übergeordnete Autorarität, als objektive Form der Wahrnehmung gibt es wohl, bloss kann ich sie nicht erkennen. Die Wahrheit kann bloss immer so subjektiv wie ein Subjekt sein, sie kann sich nicht an ein Objekt richten. Deswegen ist die Wahrnehmung immer zugleich auch eine Auswahl dessen, was tagtäglich rund um uns herum passiert. Wahrheit als statische Sicherheit, die immerzu gleich bleibt, ist für mich nicht erreichbar; mindestens im Moment nicht. Ein Mangel ist das keineswegs. Eher ein Geschenk.
Was Wort Wahrnehmung gibt schon von sich aus bekannt, was es bedeuten und wozu es eingesetzt werden soll. Ich nehme etwas wahr, oder ich fokussiere auf einen Zustand, eine Begebenheit, eine Person und wähle aus, was ich daraus als wahr annehmen will. Das, was ich nicht erkennen kann, nehme ich nicht wahr. Obschon es da ist, entschlüpft es meiner Wahrnehmung und so ist es für mich als Ego nicht existent. Das klingt ganz einfach und trivial und es dürfte auch so sein. Doch die Konsequenzen sind viel weitreichender, als man zunächst glauben möchte.
Das, was für mich wahr ist, existiert und ich akzeptiere es als gegeben, vielleicht wehre ich mich gegen dessen Existenz, aber im Grunde glaube ich an das, was ich wahrnehme. Mit der Wahrnehmung verknüpfe ich nicht nur meine Sinne, sondern auch - oder besser gesagt - vor allem der so genannte sechste Sinn oder der Bauch. Das, was nicht mit unserem Intellekt erfassbar ist, das, was jemanden sympathisch erscheinen lässt, oder jene Umgebung, die mir freundlich und heimelig erscheint, all diese Erfahrungen lassen sich weder riechen, sehen, noch schmecken, aber auch nicht ertasten oder hören. Vielmehr ist jenes Empfinden die Summe aller Sinne und darüber hinaus ein Gefühl, welches mich bis jetzt in meinem ganzen Leben noch nie betrogen hat. Mein Bauch hat mich noch nie belogen. Das ist Wahrnehmung, die ich als Mensch nehme, als Wesen, das mehr als bloss eine biologische Maschine mit einer intellektuellen Auswertung der Reize ist.
Ich bin ein Mann und damit kann ich mir nicht merken, welche Klamotten meine Kameraden vorgestern trugen, zumal ich es meist nicht einmal von heute weiss. Als Mensch habe ich Möglichkeit, mich zu entscheiden, so dass ich mir merken kann, welche Kleider wer zu welcher Zeit trug. Aber es interessiert mich zu wenig, beziehungsweise ich erachte Kleider als ein Hilfsmittel, als ein Zweck und gebe ihnen keinen Sinn darüber hinaus. Ich habe gewählt, dass ich die Wahrheit darüber, wer wann was anzieht, nicht nehmen will. Und so nehme ich nicht wahr, was andere Leute - mich eingeschlossen - tragen.
Oft passiert eine solche Auswahl wahrscheinlich unbewusst. Und dann mag es passieren, dass ich Begebenheiten in meiner unmittelbaren Umgebung nicht wahrnehme, selbst dann nicht, wenn sie essentiell sind. Das können Verhaltensweisen, Bemerkungen, Angriffe, Hilfeschreie und dergleichen sein, die in meiner Umgebung passieren. In eigentümlicher Weise gestalte ich mein eigenes Selbst durch jene Auswahl mit, was ich als wahr annehmen will und was nicht, beziehungsweise ist das, was ich nicht wahrnehme, nicht automatisch unwahr, aber mindestens nicht vorhanden. Es existiert nicht, ist also im eigentlichen Sinne nicht falsch, aber eben nicht vorhanden.
Eine der grossen Herausforderungen dürfte es wohl sein, jene Auswahl aus der Wahrheit zu treffen, die relevant ist. Und dabei ist es nicht einmal die Wahl an sich, sondern die Gabe, offen für die ganze Welt zu sein, die Hürde. Theoretisch ist es nicht möglich, alles wahrzunehmen. Das würde die Sinne überreizen. Eine Auswahl ist also schon aus "technischen Gründen" nötig. Aber wie komme ich nun an die Wahrnehmung, die ich nicht aufnehmen kann, weil ich mich dagegen entschieden habe oder weil sie zu einer Überreizung führen würde, sie aber dennoch relevant ist für mich?
Die Antwort scheint so einfach und zugleich genial zu sein: Kommunikation. Ich unterhalte mich mit Menschen aus meiner Umgebung und versuche, das zu assimilieren, was sie mir berichten. Meine Wahrnehmung lässt sich über die Menschen in meiner Umgebung ausdehnen. Natürlich bracht es dazu die Bereitschaft und es braucht oft eine Tugend, die mir fehlt: Die Grösse, mich selbst freizugeben und meine Begrenzung nicht nur zu akzeptieren, sondern sie zeitweise aufzuheben oder mindestens aufzuweichen. Oft bin ich festgefahren in meinem Regelwerk der Wahrnehmung, das mir nur das zuliefert, was ich dereinst entschieden habe, wäre wichtig und relevant. Müsste ich dieses Regelwerk umstürzen, um hernach zu erkennen, wie die Menschen rund um mich funktionieren, verlöre ich mein Selbst, mein Sein, das, was mich ausmacht. Mehr noch: Es kommt einem Angriff auf meine Persönlichkeit gleich, würde jemand verlangen, dass ich mein hoch gepflegtes sowie fein und säuberlich gewartetes Regelwerk meiner Wahrnehmung zugunsten eines Dritten fallen liesse. Angriff erzeugt Angst, weil ich mich in eine Lage befände, in der das, was ich tun möchte, nicht gleich dem ist, was ich tatsächlich tue. Derweil liegt die Herausforderung nicht im Zerfall des Regelwerks, sondern in der Rechtschaffenheit des Geistes.
Und dort liegt die grosse Verantwortung und zugleich auch das riesige Potential. Ich habe die freie Wahl, was ich als wahr annehmen möchte und was nicht. Dann ist die Chance da, dass mir Menschen, die ich liebe und die mir wichtig sind, denn Stellenwert in meiner Wahrheit bekommen, die ihnen zusteht. Manchmal muss man eine Grenze erreichen, um dort quälend nach einer Lösung zu suchen. Und sei es bloss eine, die den Schmerz lindert. Manchmal überschreite ich die Schmerzgrenze und bin erst dann bereit, nach Alternativen zu suchen. Oft waren die bis zu dem Zeitpunkt aufgrund meiner Wahrnehmung nicht sichtbar. Doch dann zeigen sich neue Wege auf und nicht selten sind es solche, die meine Wahrnehmung berichtigen, neu ausrichten und damit andere Erfahrungen bringen. Menschsein ist anstrengend. Zugleich ist es spannend und mannigfaltig. Und unser Geist ist leistungsfähig - fast grenzenlos.
Du machst das, wogegen du dich verteidigst, und durch deine eigene Abwehr dagegen wird es wirklich und unentrinnbar. Lege deine Waffen nieder, denn erst dann nimmst Du wahr, dass es falsch ist.
Aus Ein Kurs in Wundern
Schlagworte: Leben • Wahrheit • Wahrnehmung • Zufall • Sein
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Kommentar von Gust vom 23.07.2010 um 16.41.06 Uhr
Eine gute Auslegung hast du hier verfasst Roman. Wahrheit nehmen ist nur bedingt Wahrheit annehmen. Aber trotz allem gibt es nur eine Wahrheit. Eben diese, wie du darlegst; Der sechste Sinn - der Bauch - das Gewissen vermitteln mir die eine Wahrheit. Ich habe mir die Mühe genommen, deine Arbeit mehrmals zu lesen, weil es eine sehr schwere Kost ist. Sie ist durchdacht und gut formuliert. Wo ist die Wahrheit in unserer ach so bösen Welt zu finden? Ich sehe, dass du in deiner Lektüre eine Antwort darauf zu finden suchst. Böses bleibt böse, Betrug bleibt Lüge, Gewalt wird zwar wahr genommen, findet aber im Bereich der Wahrheit keinen Platz. Wer die Wahrheit sucht, nimmt sehr oft die Lüge wahr. Das Leben ist kompliziert und voll bespickt mit Lügen, das ist die Wahrheit. Gust
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