Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben
Erstellt von Yoda am 27.05.2010 um 22:28 Uhr in der Kategorie Innere Welt
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Die Geschichte eines Juden, der dem Holocaust entkommt und niemals vergisst.
Das bewegte und spannende Leben eines Menschen in der Weise zu erzählen, dass die Erfahrungen und das Wissen geteilt werden können, gehört meiner Ansicht nach zu den höchsten Künsten unserer Gesellschaft. Und wenn dies ein Mann mit einer 70-jährigen Geschichte tut, in der er dem Tode ins Antlitz schaute, der Todesangst begegnete und Jahre später den klassischen Erfolg erlebt, dann entsteht eine Lebensgeschichte, die sich zu lesen lohnt. Ich habe versucht, die Geschichte zu verstehen.
Im Jahre 2008/9 verfilmte der WDR unter der Regie von Dror Zahavi das Leben von Marcel Reich Ranicki. Als Vorlage diente sein Buch mit dem Titel Mein Leben, welches im Jahre 2001 in der Deutschen Verlagsanstalt zu München erschienen ist. Durch diesen Film gewann jenes Buch, das getreu dem Titel das Leben des Herrn Reich, oder mindestens die wohl wichtigsten Passagen daraus, erzählt, wieder etwas mehr Popularität, auf jeden Fall hier in der Schweiz. Ich besorgte mir das Buch, obschon ich deutlich lieber Fachbücher lese. Klassische Literatur liegt mir nicht, ich empfinde sie nicht als lebendig, sie schildert Theoretisches, Wahres zwar, aber nichts ist fassbar, nachhaltig wirkungsvoll oder gar echt. Goethe wie Schiller sind nicht meine Freunde, sie befinden sich mit einem Bein in einem Himmel, der nicht zu meiner Welt passt. Ich mag Poesie, aber nicht solche, die derart weit entfernt jenseits meiner Wahrnehmung liegt.
Trotzdem kaufte ich mir das Buch. Herr Reich hat etwas zu erzählen, fand ich. Ein Mann, der viele Jahre Lebenserfahrung besitzt, als Jude gedemütigt und fast umgebracht wurde. Davon wollte ich mehr erfahren. Ich will nichts über Literatur lesen, das interessiert mich zu wenig. Aber ich will von den Erfahrungen hören, die ein alter, weiser Narr zu erzählen hat. Von Herrn Reich wusste ich bloss, dass er Jude ist, dem Holocaust entkam und dann irgend etwas mit Literatur machte. Und ich hörte, dass er in seiner Zunft sowohl hoch angesehen ist und zugleich gepeinigt und ausgegrenzt wird. Eine absolut spannende Situation; von aussen betrachtet.
Die Literatur als Zuflucht
Beim Lesen des Buches sind mir einige Punkte aufgefallen. Die klassische und die damals aktuelle Literatur aus dem deutschen Sprachraum faszinierte Herr Reich schon als Junge. Es scheint mir, als würde er in die Welt der Literatur flüchten mögen, eine fantastische Heimat finden, Geborgenheit erfahren und nur noch für die Körperpflege jene Welt verlassen. Fast wie ein Himmel zu Erden, wie eine Heimat im Jenseits, die nur für die Menschen aus jener Loge zu erreichen wäre, sehe ich seine Welt der Literatur. Wahrscheinlich half ihm und wohl auch seiner Frau die Fähigkeit, sich in einer versteckten Heimat mit neuer Lebenskraft zu versorgen, um all die Peinigungen und vor allem die Demütigungen und die Angst durchzustehen. Ohne jenen Zugang zur Literatur hätte er wohl kein so langes Leben erfahren.
Weiter erlebe ich den Autor als bescheidener, als zufriedener Mensch. Er hätte wohl genug Anlass zur Jammerei gehabt und sicherlich manche Situation erlebt, in der er klagen dürfte, aber niemals klagt er sein Leid in einer strapazierenden Weise. Ich wünschte, ich dürfte derart bescheiden sein und ich würde viel darum geben, mit weniger zufrieden zu sein - materiell meine ich. Beruflich, beziehungsweise auf die Literatur fokussiert, ist Herr Reich keineswegs bescheiden, insbesondere auf die Ansprüche auf sich selbst bezogen. Er will das Beste innerhalb der Möglichkeiten herausarbeiten.
Die Geschmeidigkeit der Deutschen Sprache
Herr Reich schreibt in einem wunderschönen Deutsch, nutzt kaum Fremdwörter und setzt viele Wörter ein, die meinem passiven Wortschatz angehören. Ich verstehe, was er meint, nutzte aber jene Worte nicht mehr aktiv; bis jetzt. Und Herr Reich schreibt so, dass selbst komplexe Vorgänge sogar von mir verstanden werden. Ich kann dem Autor überall hin folgen, verliere nie den Faden, weiss stets, wo und ich welcher Zeit "wir" uns befinden. Den letzten Punkt erachte ich in diesem Buch als besonders wichtig, da sich Herr Reich beim Erzählen gerne der Zeitlinie nach vor- oder zurückbewegt. Das gibt dem Inhalt Würze, Spannung und vor allem viel mehr Eindruck. Ich mag es sehr, wenn ein Autor vor- oder zurückgreift.
Ohne Vorwürfe, aber mit bitterer Zermürbungen
Weiter stellte ich fest, dass Herr Reich im ganzen Buch kein einziges böses Wort gegen das Dritte Reich noch an die damaligen Machthaber oder an das Deutsche Volk richtet. Er spricht Klartext, verurteilt den Völkermord und all die Taten darum herum, aber bleibt sachlich. Das hat mich tief beeindruckt. Wie weit muss ein Mensch gegangen sein, was muss er durchlebt haben, so dass er in einem Buch schreiben kann, dass seine Mutter von den Nazis vergast wurde? Ohne Umschweif, ohne Anlauf zu holen, ohne die Leser vorzubereiten, legt er die Wahrheit auf den Tisch. Da steht einfach ein Satz, dass seine Mutter vergast wurde. Mir fehlen die Worte, ich bin fassungslos und zugleich ohnmächtig. Und wie ergeht es dem Autor dabei? Ich weiss es nicht. Ich glaube, er geht mit der Wahrheit um, in dem er nicht mit ihr umgeht. Auf jeden Fall verstehe ich weder den Holocaust noch Herrn Reich. Ich kann nicht verstehen, dass Herr Reich überhaupt noch da ist, noch am Leben ist. Im Buch suchte ich vergebens nach Antworten. Verständlicherweise, wie ich später bemerkte.
Ebenso zollt mir Herr Reich eine gehörige Portion Respekt ab, wenn er sich bis in die kleinsten Details an eine längst vergangene Zeit erinnert. Zunächst wollte ich nicht so recht glauben, dass sich ein Mann nach fast 60 Jahren noch so genau an Einzelheiten erinnern kann, stellte aber fest, dass es sich dabei um besondere Erfahrungen mit einer speziellen Qualität handelt: Unbehagen, Angst, Unsicherheit, Todesangst und Hunger, wohl aber auch Sehnsucht nach einem zu Hause, das es nicht gibt und Hoffnung wie zeitweise auch Glück. Entsinne ich mich meiner Jugend, die noch nicht so weit wie bei Herrn Reich zurückliegt, erkenne ich bald, dass ich mich bei jenen Erlebnissen, die besondere Emotionen hervorbrachten, sehr gut erinnern kann. Sie brennen sich tief im Gedächtnis ein.
Die Juden und ihre Rollen
Poltische Aussagen gibt es keine in diesem Buch. Ebenso wird das Thema Israel und Palästina vollständig ausgeblendet, aber auch das Verhältnis zwischen der USA und Israel wie weitere, politisch heikle Themen. Ich bilde mir ein, dass Herr Reich ganz bewusst auf solche Aussagen verzichtet hat. Hingegen lese ich ab und zu, dass sich in den späten Fünfzigern und anfangs Sechzigern manch eine Figur aus dem rechten Lager in Deutschland gewünscht hätte, dass der Schonung der Juden eine Ende bereitet werden müsste. Etwas erstaunt stellte ich fest, dass sich damals Herr Reich nicht aktiv zur Diskussion bekannt und seinen Standpunkt vertreten hat. Vielleicht hatte das etwas mit seiner Rolle innerhalb der Literatur-Szene zu tun. Ich weiss es nicht. Es gibt noch weitere Episoden, bei denen ich ein Eingreifen des Autors erwartet hätte. Er tat es nicht. Ist das Feigheit oder Ruhe und Gelassenheit? Wohl beides nicht. Es dürfte eine Mischung aus Vorsicht, Frucht vor der eigenen Angst und der Vergangenheit sein. Vielleicht spielte auch der Wunsch, Geschehenes liegen zu lassen, eine Rolle. Es steht mir nicht zu, hier zu urteilen. Ich erlaube mir lediglich, eine Vermutung laut zu denken.
Der sich wendende Schriftsteller
Das Buch ist in verschieden Kapitel unterteilt, gliedert sich aber meines Erachtens in der Qualität des Inhalts, beziehungsweise dessen Wiedergabe, in zwei Teile. Bis zu dem Punkt, an dem Herr Reich und seine Frau im Jahre 1944 in Polen aus dem Keller eines Freundes von der Roten Armee befreit werden, nehme ich ein intensives Erzählen, eine eigenartige Verbundenheit zur Vergangenheit, aber auch Angst, Wut, Ohnmacht, Demütigung und Kapitulation wahr. Die Sprache ist lebendig, sie schildert nicht alle Einzelheiten mit Worten, aber mit der Architektur des Satzes kommt die Wahrheit zu Tage, assimiliert sich in meiner Wahrnehmung und lässt mich oft erschaudern, erschrecken, zusammenfahren, ich werde wütend, traurig und die Haare stellen sich im Nacken auf. Ich kann nicht glauben, wozu Menschen fähig sind, blicke vom Buch auf und muss ab und zu nachdenken, das Gelesene ablegen, einordnen, verstehen, um nachher erneut nicht zu verstehen. Das Buch las ich während einer Woche jeweils am Abend. Oft pausierte ich, um zu Verdauen, um Verständnis ringend, Ablehnung, Trotz und Wut, aber vor allem Trauer zu erleben. Trauer um uns Menschen und wozu wir fähig sind. Vieles, was Herr Reich schildert, wusste ich nicht. Schrecklich.
Der zweite imaginäre von mir erkannte Teil beginnt nach der Befreiung und damit fängt das zweite und dritte Leben des Autors in Polen und später in Deutschland an. Es ist der gleiche Autor, der da schreibt und doch ist es nicht derselbe. Einerseits wendet er sich mehr und mehr dem Thema Literatur zu und auf der andern Seite "versachlicht" dies sein Erzählen. Obschon ich mit Literatur herzlich wenig anfangen kann, lese ich weiter. Herr Reich nimmt mich mit, führt mich durch sein Leben und durch all die Geschichten und Anekdoten mit Schriftstellern und andern Menschen aus jener Zunft. Ich fühle mich niemals fehl am Platz. Zwar kenne ich die meisten Namen und Persönlichkeiten nicht, aber ich bekomme die notwendigen Informationen. Ausser an einer einzigen Stelle lässt mich der Autor im Regen stehen:
Ein refrainartig wiederkehrendes Lieblingsprojekt von Jens galt einem Autor, den wir beide ganz besonders schätzten, jeder auf seine Weise: Fontane. Er redete über dieses Vorhaben leidenschaftlich und geistreich. Dass es nie verwirklicht wurde, versteht sich von selbst.
Nein, das tut es nicht. Aber das liegt an meiner Lücke in der Allgemeinbildung. Das Buch wächst, vor allem im letzten Drittel, zu einer spannenden Erzählung rund um seine Arbeit bei der Zeit und der FAZ heran. Ich lese gerne darin, weil ich gar nichts von jener Arbeit weiss und Dank der ausgewogenen und klaren Sprache ohne Herausforderungen mitlaufen und beobachten kann.
Keine Verwüstungen!
Üblicherweise notiere ich allerlei Gedanken am Rande der Seiten eines Buches. Besonders bei Fachbüchern mache ich das gerne und recht ausgedehnt. In diesem Fall tue ich dies nicht. Das Buch will ich nicht mit meinen Notizen verwüsten. Der Inhalt ist mir zu wertvoll. Oder anders gesagt: Das, was mir Herr Reich erzählt, und vor allem die Art und Weise, wie er das tut, ist für mich wertvoll. Besonders wertvoll. Es zeigt mir auf, dass wir alle Grenzen kennen, die wir überwinden können. Es gibt aber auch welche, die nicht überwindbar sind. Herr Reich überwand eine Grenze und konnte irgendwann wieder in Deutschland leben und arbeiten. Trotz dem Dritten Reich und trotz dem Holocaust. Aber ich glaube, dass er die Grenze nicht überwinden kann, zu verzeihen, was passiert ist. Weder den Menschen, noch sich selbst, aber auch der Welt nicht. Vielleicht ist das auch gut so.
Treffend deutliche Zitate aus dem Buch
Und so schreibe ich nichts auf die Seitenränder, sondern klebe schmale Post-It-Zettel als Buchzeichen an jene Stellen, die mich beeindrucken oder wo ich noch einmal lesen möchte. Die kann ich nachher wieder entfernen, ohne Spuren zu hinterlassen. Zum einen oder andern Punkt, der mich beschäftigt, möchte ich etwas schreiben, was ich nachfolgend tue:
Herr Reich ist offenbar kein Freund der jüdischen Traditionen. Das macht ihn mir nicht weniger unsympathisch, um hier einmal seine sehr beliebte doppelte Verneinung zu nutzen. Dazu schreibt er:
Das ist es, was ich an der moralischen Religion nicht ertragen kann: Ihre Weigerung und Unfähigkeit, unzählige, seit Menschengedenken existierende, aber längst sinnlos gewordene Gebote und Vorschriften abzuschaffen oder zumindest zu reformieren.
Etwas weiter unten kommt er zum einem Thema, das mich anwidert: Während dem Unterricht in der Schule soll anhand der Beschaffenheit und Form eines Schädels bestimmt werden, ob es sich bei diesem Menschen um einen Juden handelt. Das Experiment klappt nicht, das Regime hält jedoch an der sinnfreien Lehre fest. Offenbar ist auch sein damaliger Lehrer erfreut, dass sich das Experiment nicht mit dem von den Nationalsozialisten gewünschten Resultat durchführen lässt.
Zu Beginn des Buches blickt der Autor voraus und schildert eine Klassenzusammenkunft, welche nach dem Krieg im Jahre 1963 in Berlin stattfand und an der er teilnahm. Dem Thema "Juden" wurde damals geschickt ausgewichen, aber eine Frage blieb, welche schliesslich Herr Reich beantwortete: Wie er den Krieg überlebt habe. Schliesslich waren die meisten der Teilnehmer der Klassenzusammenkunft Soldaten im Dritten Reich oder gar bei andern Organisationen. Die nachfolgenden Gedanken, welche der Autor zu Papier bringt, fordern bei mir grossen Respekt, Achtung und zugleich Bewunderung:
Dass sich keiner mitschuldig fühlte, kann ich wohl verstehen. Nichts liegt mir ferner, als ihnen eine Mitschuld zuzuschreiben. Aber eine gewisse Mitverantwortung dafür, was Deutsche getan hatten, was im deutschen Namen geschehen war? Nein, auch von Mitverantwortung war nichts zu hören, sie wollten nicht darüber reden. Meine wohlerzogenen Schulfreunde, die einst braune und schwarze Uniformen getragen hatten und später jene der Wehrmacht - sie waren, glaube ich, typische Vertreter der Jahrgänge 1919 und 1920. Ich hatte nicht die Absicht, auf dem Thema zu bestehen. Wir waren ja nicht nach Berlin gekommen, um Bitteres zu hören, mochte alles weiterhin harmlos verlaufen.
Er geht dann noch tiefer in die Problematik ein, beleuchtet die fadenscheinige Antworten einiger ehemaliger Mitschüler und bleibt dann enttäuscht zurück. Und diese Haltung, jene der Mitschüler oder auch Menschen in andern Rollen, bleibt so bestehen. Ich sehe viele Gegenüber von Herrn Reich, die sich damals "auf der andern Seite" befanden, und ausser Stande sind, auf das Thema einzugehen. In diesem Zusammenhang scheint mir ein weiteres Zitat ganz treffend und bemerkenswert:
Sie - und gemeint waren damit die Nationalsozialisten - haben die unglaubliche Kühnheit, sich mit Deutschland zu verwechseln. Wo doch vielleicht der Augenblick nicht fern ist, da dem deutschen Volk das Letzte daran gelegen sein wird, mit ihnen verwechselt zu werden.
Vielleicht liegt hierin der Schlüssel zur Ablehnung irgendeiner Verantwortung jener Menschen. Erneut greift Herr Reich voraus und berichtet von einer Bekanntschaft vor dem Krieg. Jene Frau trifft er wieder, nach dem Grauen und wechselt einige Worte. Sie spricht zu ihm, diese Worte gibt der Autor in seinem Buch wieder:
"Unsere Träume waren es wohl, die uns damals verbündet haben. Und es ist kaum zu fassen: Unsere Träume haben sich tatsächlich erfüllt. Während man die Unsrigen gemordet hat, wurden wir verschont: Wir wurden nicht erschlagen, nicht umgebracht, nicht ausgerottet, nicht vergast. Wir haben überlebt, ohne es verdient zu haben. Wir verdanken es nur dem Zufall. Wir sind aus unbegreiflichen Gründen die Kinder des Grauens. Wir sind Gezeichnete und wir werden es bleiben bis zu unseren letzten Tagen. Bist Du dir dessen bewusst? Weisst du das?" - "Ja", sagte ich, "ich bin mir dessen bewusst."
Mir fallen dazu zwei merkwürdige, eigenartige Sachen auf: Die überlebenden Juden nehmen ein Schuldgefühl dafür wahr, dass ausgerechnet sie durchgekommen sind und nicht wie ihre Mitmenschen ermordet wurden. Ist es das Schuldgefühl eines Opfers gleich dem Kind, das von einem Elternteil missbraucht wird und nicht versteht, was passiert? Warum sollen die Überlebenden es nicht verdient haben, noch zu leben? Weshalb meine ich, sie wären zufriedener, hätte man sie damals ebenso umgebracht? Ist es die Verantwortung, in die man als Holocaust-Überlebender gepresst wird, mit der Bürde belegt, immerzu mahnend an jenen Völkermord zu erinnern, worauf er nicht mehr vorkommen würde? Ist es die vermeintliche Pflicht, einen weiteren Holocaust zu verhindern? Ich weiss es nicht und ich kann mich - zum Glück - nicht in jene Lage versetzen. Ausserdem wage ich es nicht, zu urteilen. Aber ich traue mich ganz leise zu sagen, dass hier etwas nicht stimmt. Wer ist hier schuldig? Die Nationalsozialisten oder die Juden? Herr Reich schreibt in diesem Zusammenhang etwas später in seinem Buch:
Und was auch in meinem Leben geschehen ist, welches Unrecht mir auch angetan wurde, ich habe niemals einen Menschen, der sich mit mir versöhnen wollte, zurückgewiesen. Das Gegenteil hat sich leider oft ereignet.
Weiter denke ich an den Satz "Wir sind Gezeichnete und wir werden es bleiben bis zu unseren letzten Tagen. Bist Du dir dessen bewusst? Weisst du das?". Er erinnert mich an Etwas, das ich nicht fassen kann. Leise, kaum zu hören, hallt eine Emotion in meiner Brust wieder, die ich nicht orten, die ich weder beschreiben, noch umschreiben kann. Sie quillt aus weiter entfernten Zeit, aus einem fernen Ort und doch ist sie vertraut. Will ich sie anfassen, entschwindet sie. Sie fühlt sich bitter-süss an und sie besitzt Kraft und Ausdauer, wenn auch nicht vordergründig. Sie macht süchtig und sie wirkt anziehend. Ist es Selbstmitleid, Trauer, Demütigung oder ist es einfach nur ein Schmerz? Ich kann es nicht sagen. Und ich erlaube mir nicht, diese Emotion neben jene von den beiden Gesprächspartnern in diesem zitierten Abschnitt zu stellen. Es muss sich wohl um etwas anderes handeln. Um etwas, wofür ich keine Erfahrung besitze. Wahrscheinlich zu meinem Glück.
Ähnliches erkenne ich bei Herrn Reich in seiner Ehe. Er spricht nicht viel darüber, aber es gibt einige Passagen dazu; auch Schilderungen, bei denen er sich mit andern Frauen trifft. Dazu schreibt er:
Die Dankbarkeit, mit der ich mich an diese Liebesgeschichte erinnere, gilt zwei Frauen - die andere ist jene, die sie geduldet hat. Und meine Ehe? Vielleicht bewährt sich eine Ehe gerade dann, wenn man, wohl wissend, dass der Ehepartner ein Liebesverhältnis hat, zwar leidet, selbstverständlich, aber den Gedanken weit von sich weist, dies könnte die Ehe wirklich gefährden. Zu solchen Leiden und zu solchen Gedanken haben wir beide, Tosia und ich, Anlass gehabt.
Sein und doch nicht sein, Ehe und doch keine Ehe. Verflucht sein und trotzdem weiter leben, kein Verdienst am eigenen Leben erkennen, es aber dennoch leben. Vielleicht ist es die Grundeinstellung zum Leben, dass Leid und Pein, Schmerzen und Verlust unausweichlich mit dazu gehören. Muss es das wirklich? Ich bin mir nicht sicher, obschon ich keineswegs frei von all den Schmerzen bin. Ich vermute, dass eine gewisse Bereitschaft, Schmerzen zu erfahren, dazu führt, dass sie einem finden, erreichen und treffen werden.
Als sich im Warschauer Ghetto der höchste Jude das Leben nimmt, weil er seine Artgenossen auf Geheiss der Nationalsozialisten in den Tod schicken soll, bricht Panik aus. Herr Reich schreibt dazu:
Still und schlicht ist er abgetreten. Nicht im Stande gegen die Deutschen zu kämpfen, weigerte er sich, ihr Werkzeug zu sein. Er war ein Mann mit Grundsätzen, ein Intellektueller, der an hohe Ideale glaubte. Dieses Grundsätzen und Idealen wollte er auch noch in unmenschlicher Zeit und unter kaum vorstellbaren Umständen treu bleiben.
Getroffen haben mich viele Worte in diesem Buch. Ich bin weder Jude noch sympathisiere ich mit den Neonazis. Mir missfallen diese Ideen, ich verabscheue sie. Ausserdem bin ich Eidgenosse und stehe damit etwas abseits. Hier nur ein Zitat, welches aus dem Jahre 1938 stammt:
Schliesslich befahlen sie uns - und dieser Einfall schien ihnen sehr zu gefallen -, im Chor zu brüllen:"Wir sind jüdische Schweine. Wir sind dreckige Juden. Wir sind Untermenschen." Und dergleichen mehr.
Tief beeindruckt und getroffen hat mich die Schilderung der letzten Begegnung zwischen Herrn Reich und seiner Mutter. Diese Beschreibung, so trocken, sachlich und schier emotionslos sie erscheinen mag, ist schrecklich und unfassbar zugleich. Was damals passiert ist, kann man wahrscheinlich nicht in Worte fassen, weswegen sie der Autor wohl derart seicht notiert hat:
Meine Eltern hatten schon ihres Alters wegen - meine Mutter war 58 Jahre alt, mein Vater 62 - keine Chance, eine "Lebensnummer" zu bekommen, und es fehlte ihnen Kraft und Lust, sich irgendwo zu verbergen. Ich sagte ihnen, wo sie sich anstellen mussten. Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig. [...] Ich wusste, dass ich sie zum letzten Mal sah. Und so sehe ich sie immer noch: meinen hilflosen Vater und meine Mutter [...] Mein Vater und meine Mutter - ich konnte es von Weitem sehen - begannen in ihrer Angst vor dem strammen Deutschen zu laufen, so schnell sie konnten.
Es gibt weiter unten eine Beschreibung, wie es den Juden ergangen war, als sie vergast wurden. Die Technik wird kurz beschrieben und das Verhalten der Menschen, die durch die Abgase der Dieselmotoren nach etwas dreissig Minuten den Qualen in die Arme des Todes entfliehen konnten.
Zu einem ganz andern Thema, das jedoch in die gleiche Kategorie gehört, schreibt der Autor zu seinem Verhältnis zum Theater und zur Musik vor 1937:
Denn die Aufführungen in den Berliner Opernhäusern, dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt und in einigen andern Theatern sowie die Konzerte [...] vermochten die Tyrannei nicht zu mindern. Aber sie haben das Leben vieler Menschen erträglicher, ja sogar schöner gemacht - und eben auch mein Leben.
1938 klingt es deutlich dramatischer, als sich die Juden im Warschauer Ghetto zu Konzerten und Lesungen trafen:
Die unentwegt um ihr Leben Bangenden, die auf Abruf Vegetierenden waren auf der Suche nach Schutz und Zuflucht für eine Stunde oder zwei, auf der Suche nach dem, was man Geborgenheit nennt, vielleicht sogar nach Glück. Sie waren auf eine Gegenwelt angewiesen.
Der weitere Verlauf des Buches ist eher auf die Arbeit des Autors fokussiert; nicht weniger spannend berichtet, aber wohl deutlich entfernter vom Lebenskampf. Es geht primär und die Arbeit des Autors und um die Persönlichkeiten, welchen er während seiner beruflichen Tätigkeiten begegnet. Unterhaltsam, teilweise nachdenklich stimmend, aber meist eher sachlich geht Herr Reich auf das Erlebte ein. Das Buch verstehe ich nicht als Zeigefinger der Moral oder als Warnung an uns Menschen. Vielleicht beherbergt das Buch einige Winke an die Schriftsteller und an die Literatur im Allgemeinen. Ich verstehe von Letzterer aber etwa so viel, wie eine Kuh vom Fahrradfahren. Sollten sich also tatsächlich literarische Hinweise in diesem Buch befinden, so kann ich sie nicht entdecken.
Marcel Reich Ranicki lerne ich in diesem Buch als Persönlichkeit mit Charisma, mit einem ausgezeichneten Sprachtalent und der Würde, unsere deutsche Sprache mit Geschick und feiner Dosierung zu nutzen, kennen. Mein Respekt und meine Achtung vor diesem Mann sind hoch angesiedelt. Ich verneige mich vor einem Menschen, der sein Unvermögen, seine Grenzen und seine Entscheidungen genauso darstellt, wie seine Talente und die Fähigkeit, sein Potential zu nutzen. Leute haben wir genug auf unserer Welt, was wir brauchen, sind Menschen. Herr Reich ist einer von ihnen.
Und schliesslich sehe ich dem Buch ein Zeugnis der Zeit, ein Beleg davon, wozu Menschen fähig sind. Ich möchte weder die Juden schützen, noch die Nationalsozialisten verdammen. Ich lebte damals nicht, es steht mir nicht zu, zu urteilen. Aber ich erkenne in dem Buch eine Essenz, die in der Weise nicht zum Ausdruck kommt, aber im Versteckten, zwischen den Zeilen und sehr wahrscheinlich auch im Kopf des Autors immerzu und ohne Unterbruch auf unsere Wahrnehmung pocht: Seid wachsam, wehret den Anfängen!
Schlagworte: Reich • Juden • Nationalsozialismus • Buch • Ranicki
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Kommentare zu diesem Artikel
2 sichtbare(r) Kommentar(e)
Kommentar von Meinereiner vom 28.05.2010 um 07.04.36 Uhr
Respekt.... wirklich gut geschrieben. Respekt und auch Danke. Ich glaube, ich werde mir das Buch auch reinziehen müssen. Nur nicht heute oder morgen, einfach keine Zeit... *sich umsieht... da liegen noch zu viele Bücher rum, die von mir verschlungen werden wollen.
Kommentar von Thinkabout vom 01.06.2010 um 12.43.54 Uhr
Lieber Roman
Wieder ein Beispiel für Deine Fähigkeit, ein Thema unvoreingenommen in die Tiefe zu behandeln und dann ohne jeden falschen Firlefanz auch auf den Bildschirm zu bringen.
Interessant - Dein Bild von MRR dürfte eine sehr spezielle Arbeit sein, denn die meisten werden eine sehr viel deutlichere und gefärbtere Grundmeinung von ihm haben: So auch ich.
Nichts ist an diesem Mann so speziell wie die Grundeigenschaften, die Du ihm zubilligst und die ich nicht negieren will, und seiner Fähigkeit, einen Text und einen Literaten in der Luft zu zerreissen. Er wird sagen, das geschehe immer nur für die Sache und sei seiner Liebe zur Literatur geschuldet. Für den Betrachter, der etwas Distanz hält, hatte dies sehr oft den Anschein einer Inquisition von Gottes Gnaden - auch hierin mag er oft falsch verstanden worden sein, das ist möglich. Sein Alterswerk, von dem Du hier einen Teil beschreibst, wird helfen, alles in die richtigen Bahnen zu rücken und zu erkennen, welche Leistungen zu diesem Leben wirklich zentral gehören.
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