Erstellt von Yoda am 24.01.2010 um 01:21 Uhr in der Kategorie Innere Welt
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Haustiere können für Kinder eine besondere Verbindung manifestieren. Auch kleine Ziervögel, deren Bewusstsein wohl nicht sehr ausgeprägt ist; mindestens nicht nach dem Grundsatz von Descartes. Einer unserer Wellensittiche ist vor ein paar Wochen verstorben. Wahrscheinlich litt er an einer Leberkrankheit, gesichert ist das aber nicht. Inzwischen konnten wir den Vogel mit allen Ehren zur Ruhe führen und ersetzten ihn durch zwei andere Sittiche.
Eines Abends lag er am Boden der Voliere, mit dem Bauch nach unten, also keine typische Stellung, bei der der Tod vermutet würde. Aber er bewegte sich nicht mehr und so rief ich unseren Ruben. Er holte den Vogel aus dem Käfig, hielt ihn sachte in der Hand und begann sogleich zu weinen. "Er lebt nicht mehr; seine Augen sind geschlossen." Ruben ging der Tod des Tieres an die Nieren. Wir haben den Sittich anschliessend in eine kleine Schachtel gelegt und Ruben gab ein Hirsenstengel dazu. Dann wollte er wissen, weshalb denn die andern Vögel noch immer pfiffen und fröhlich wären, derweil ein Freund von ihnen gestorben sei.
Ich versuchte Ruben zu erklären, dass es für die Tiere wohl ganz normal sei, dass der Tod und auch die Geburt geschähe. Bloss wir Menschen würden eben ab und zu ein zünftiges Theater rund um den Tod vorführen. In Wahrheit sei aber der Tod etwas Natürliches, das weder gut noch böse wäre. Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Und ausserdem freuen sich die Sittiche, dass nun ihr Freund erlöst sei. Ganz zufrieden war Ruben mit dieser halbherzigen Antwort natürlich nicht, aber immerhin erkannte er, dass für die Vögel etwas ganz Normales geschehen ist.
Ruben und ich besprachen danach, wie wir unserem Freund einen schönen Abschied bereiten könnten. Und so beschlossen wir, ihn so zu bestatten, dass er zum grossen Meer finden würde, wo die Freiheit grenzenlos wäre. Die Thur, welche just bei uns um die Ecke vorbeifliesst, mündet in den Rhein und jener erreicht dann das Meer. Also liessen wir am Abend die kleine Schachtel von der Andelfinger-Brücke in die Thur fallen und begleiteten ihn dabei mit allen Ehren. Der Abschied fiel Ruben schwer. Denn der Tod hat etwas Endgültiges an sich, das sich nicht abwenden lässt. Genau das Gleiche passiert auch bei der Geburt, bloss befinden wir uns dann als Eltern oder Verwandte, Bekannte oder Befreundete auf der andern Seite des Lebens. Das Wesen, das diese Welt betritt, muss eine andere verlassen.
Alsbald kamen wir aber zu zwei neuen Tieren, denn eine Bekannte besass zwei Sittiche, konnte die aber aus persönlichen Gründen nicht mehr weiter pflegen. Und so durfte ich diese Tiere abholen und bei unseren Sittichen unterbringen. Während den ersten Stunden mussten die Vögel offensichtlich ausjassen, wer denn hier der Boss wäre. Wahrscheinlich haben sie diese Frage rasch geklärt, denn nun sind alle sieben Tiere dicke Freunde. Einer dieser sieben "Muskevögel" ist besonders keck und er scheut sich auch nicht vor Menschen. Das hilft Ruben, den Verlust zu vergessen.
Es ist meiner Ansicht nach wichtig, dass sich Kinder möglichst früh mit der Endlichkeit beschäftigen. Wenn sie es spielerisch aufnehmen können - was den Ernst der Sache nicht verrückt - ist es wohl sehr viel einfacher für sie. Und wenn es dazu noch ein Haustier ist, zudem sie eine Beziehung pflegen, ist es nicht nur einfach eine theoretische Übung, sondern das echte Leben. Dazu gehört auch, dass wir als Eltern die Trauer der Kinder anerkennen und trotzdem möglichst die Einfachheit des Lebens und des Todes aufzeigen.
Schlagworte: Tod • Leben • Sittiche • Vogel • Bestattung
4 sichtbare(r) Kommentar(e)
Kommentar von Schattenbewahrer vom 24.01.2010 um 14.13.45 Uhr
Ich glaub nicht, dass Deine Antwort halbherzig gewesen ist, denn Das Leben ist erst über die eigene Lebensspanne betrachtet begreifbar. Ruben hat aber noch einen langen interesanten Weg vor sich und eine Abkürzung mit Erklärungen der bereits Längerlebenden verwirrt nur...Die einfachen Antworten sind ebenso ehrlich wie am nächsten an unserer Realität.
Kommentar von hevosia vom 27.01.2010 um 07.43.15 Uhr
Kennst du das Bilderbuch "Gehört das so??! Die Geschichte von Elvis" ? Ein schönes, feines Buch über ein Mädchen, dessen Kanarienvogel gestorben ist. Die Kleine ist empört, dass das Leben, trozt dieses grossen Verlustes, für die anderen Menschen rundherum weitergeht, als sei nichts geschehen. Sie trägt den Vogel in einer roten Handtasche mit sich herum, schimpft, ist wütend. Endlich fragt jemand, was sie habe. Nun kann sie ihren Schmerz ausdrücken und gemeinsam mit anderen vom toten Freund Abschied nehmen.
Kommentar von Zelina Zelina vom 21.03.2010 um 03.19.52 Uhr
ich finde das immer schrecklich, wenn so ein tier stierbt. ich bin zwar kein kind mehr, ist aber trotzdem schrecklich.
Kommentar von Ute vom 02.05.2010 um 23.19.42 Uhr
Aus meiner Sicht hast du es sehr gut gemacht, es Ruben zu erklären und ihm bei der Trauer zu helfen. Schön erzählt, danke.
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